Mittwoch, 9. Mai 2012

Die Falschaussage


Das Schöne am Chormitglied-Sein ist (auch), dass man ab und zu mit inspirierenden und schmeichelhaften Anfragen von außen überrascht werden kann. So suchte die ungarische Videokünstlerin Hajnal Nemeth vor Kurzem einen professionellen Chor, der im Hintergrund einer Gesangsperformance mit gesellschaftskritischem Thema mitwirken möchte. Schnell beschloss BerlinVokal: Da simma dabei!

Zur Vorbereitung auf "Die Falschaussage" interpretierten wir die außergewöhnliche Partitur chor-kreativ und trafen damit bei den Probenbesuchen der Künstlerin auch auf keinen Widerstand.

Worum geht es?
Das Thema der Performance basiert auf einem wahren Ereignis und auf einem Dialog aus einem Film, der dieses Ereignis thematisiert: Zwischen 1882 und 1883 gab es in Tiszaeszlár (Ungarn) einen Schauprozess, der europaweit als „Tiszaeszlárer Ritualmordlegende“ bekannt wurde und später großen Einfluss auf die Verbreitung des ungarischen Antisemitismus hatte.

Insbesondere das erzwungene Einstudieren des falschen Geständnisses des 14-jährigen Kronzeugen, Móric Scharf, wird ausführlich dargestellt. Er hatte behauptet, ein christliches Mädchen sei einem Ritualmord aus Anlass des jüdischen Pessachfestes zum Opfer gefallen. 

Die Details und Transkriptionen der Filmdialoge bilden die Grundlage für die Performancelieder von Hajnal Németh. Die Struktur der Aufführung folgt der Methode des subtilen Einschärfens und Einstudierens: der Prozess des Erwerbens des falschen Geständnisses; das Einbringen der Lüge in die Zeugenaussage; der Weg der erfundenen Konzeption durch die Psyche, die Festigung der Konzeption durch die Einbildungskraft, die Entstehung der Lüge als Überzeugung und schließlich die letzte und fatale Äußerung der Lüge.

Harter Tobak also! Darum ging uns der klangvolle Nachname des armen Mädchens auch nach dem einschärfenden Chorwochenende gar nicht mehr aus dem Kopf und wir warfen bei jeder Gelegenheit unzählige "Schojmoschis" aus.

Zum Recording der Performance trafen wir uns eines Dienstag Abends im März in einem noblen Architektenbüro, dessen Name nicht genannt werden darf. In Büro-Outfits an den Arbeitsplätzen des luftig-lichten Dachgeschosses sitzend, fügten wir uns sehr gut in die Atmosphäre ein.

BerlinVokal bei der Aufnahme zur "Falschaussage"

Liveübertragung von MB
Der Chorleiter war stolz auf seine SängerInnen. Über aufwendigste Beamer-Technologie wurde sein Dirigat für alle Nach-rechts-Blickenden übertragen und die Solisten konnten es zur Seite schielend erahnen. Der Chor wuselte geschäftig im Raum umher und sang dabei als das Gewissen des Kronzeugen Móric.





Nach der dritten Aufnahme des ca. 15min Stückes konnten sich alle schon entspannt zurücklehnen konnten, denn dat Ding war im Kasten.

Die Zusammenarbeit mit der Künstlerin hat allen sehr viel Spaß gemacht. Es war "mal was Anderes", sodass wir schon bald von einem neuen Projekt mit ihr berichten können werden.



Dienstag, 1. Mai 2012

Chor-WE 23.bis 25. März 2012


Unser Chorwochenende fand dieses Mal in Eberswalde statt. Wir waren im Waldsolarheim am Rande der Stadt untergebracht. Ein modernes, lichtdurchflutetes Haus mit netten, gut geheizten, schlichten Zimmern nebst sauberen Bädern! Schöner Probenraum mit viel Platz und Balkonen auf der jeweiligen Sonnenseite,
gigantischer Speisesaal (für`s Essen gab`s allerdings Punktabzug). Ergo stimmten (fast) alle Rahmenbedingungen. Schade nur, dass wir etwas dezimiert waren: Liz hatte einen mittelschweren Zahnunfall, bei Astrid häuften sich die familiären Notfälle, Julia hatte Yoga- und Elvi Familienverpflichtungen. Dafür bekamen wir aber am Samstag überraschenden Besuch von Anja, Marc und Baby Franzl!
Ein Höhepunkt des Wochenendes war ganz sicher unser Samstagvormittagsworkshop mit Annemarie, die mit ihrer Leichtigkeit, Unbeschwertheit und guten Laune, aber auch mit der ihr eigenen sanften Nachdrücklichkeit unsere Stimmen schulte. Es gab jede Menge neue Erkenntnisse und viel zu lachen! Gerne würden wir regelmäßig mit Annemarie an der individuellen stimmlichen Vervollkommnung und am Gesamtklang arbeiten!
Ein weiterer Höhepunkt war die Vorstellung von Michaels Eigenkompositionen, die mit auf die Liste der Titel kamen, über deren Einstudierung wir später abstimmen sollten. Ansonsten wurde querbeet gesungen, Neues geprobt und natürlich auch improvisiert. Die Nächte waren lang und rotweinschwer, das Wetter war uns hold, die Stimmung heiter. George hatte wie immer permanent die Kamera dabei und schnappte so manchen Schuss - mal sehen, was diesmal dabei heraus kommt ;)

Foto: George